086 Alle/s hygge – oder was?

Wer sich im gut sortierten Zeitschriften- und Buchhandel umschaut, der trifft in letzter Zeit häufiger auf das Wort „hygge“, aktuell einer der zehn Grundwerte unserer Nachbarn, der Dänen. Das Phänomen „Hygge“ ist sicherlich mit dem deutschen Wort „Gemütlichkeit“ nur unzureichend beschrieben - und augenscheinlich interessiert sich „die Welt“ dafür. David Hugendick titelte im Januar 2017 in der Zeit „Im Bootcamp des guten Lebens“.  

 

Und wie unterscheidet sich die Idee „Hygge“ von den Fragestellungen zum Thema „Balance im Leben“, das mich als Trainerin seit mindestens 2003 begleitet. Die Zwischenbilanz der ersten acht Jahren Erfahrungen (2003 – 2011) finden sich im BKK Gesundheitsreport 2011 (mit Andrea Neid). Dieser Artikel, der in 2011 veröffentlicht wurde, endete mit folgenden Worten: 

Der Soziologe und Zeitforscher Hartmut Rosa fasst in einem SPIEGEL-Titel so zusammen: „Wir erleben in der Gegenwart eine dreifache Beschleunigung – die des technischen Fortschritts, des sozialen Wandels und des Lebenstempos.“ Diese Form der Beschleunigung erfordert zunehmend Anpassungsleistungen vom Einzelnen. Aus diesem Grund ist eine Stärkung des Kohärenzsinns (nach Antonovsky; zit. nach Ulich / Wülser 2005, S. 82 f.) mit den Bestandteilen Manageability (internale und externale Kontrollüberzeugung), Comprehensibility (Nachvollziehbarkeit, Verstehbarkeit) und Meaningfulness (Bedeutung, Sinn) eine überlebenswichtige Schlüsselkompetenz im 21. Jahrhundert. Eine ausgewogene Balance im Leben ist hier eine wertvolle und gesundheitsförderliche Ressource (siehe BKK Gesundheitsreport 2011 (mit Andrea Neid).

Life Balance im Jahre 2018

Und was erlebe ich in den Seminaren zur Prävention stressbedingter Erkrankungen „Work-Life-Balance“ mit den Seminarteilnehmer/innen im Jahr 2018? Das Thema spricht firmenintern (= die Seminare werden von der Personalentwicklung arbeitsplatznah organisiert) mittlerweile mehr Männer als Frauen an, die mittlerweile andere = höhere Ansprüche nicht nur, aber auch an das Familienleben formulieren.

Die Fragestellungen der Teilnehmer/innen drehten sich fast alle um die Themen, die in der Zeitschrift Wirtschaftspsychologie aktuell 3/2017 – Arbeiten in Balance angesprochen wurden:

  • Widerstandsfähiger werden
  • Achtsamkeit
  • Abschalten lernen nach der Arbeit
  • persönlich entschleunigen
  • besser schlafen
  • Umgang mit Digitalisierung und ständiger Erreichbarkeit
  • mit Unsicherheit, Veränderungen, Umstrukturierung am Arbeitsplatz umgehen lernen
  • wirklich alle persönlich wichtigen Lebensbereiche (Familie, Beruf, Freizeit) unter einen Hut bringen. 

Die Wirkung des Seminars wird von den Seminarteilnehmer/innen beschrieben als ein „Raum zum Innehalten, zur Ruhe kommen – um die wahren Prioritäten wieder zu erkennen“ und manche Weiche im Leben nachhaltig neu zu stellen (Zitate der Teilnehmer/innen). Diese neu gestellten Weichen treffen dann verständlicherweise auf die Realität außerhalb des Seminars, in der sich die persönlichen Umsetzungsvorhaben bewähren.

In so manchem Seminar hatte ich den Eindruck, dass sich die Teilnehmer/innen Raum und „Zeit für die Seele"– außerhalb ihrer üblichen Geschäftigkeiten - nehmen, um sich (in ihrer aktuellen Lebenssituation) zu orientieren, zu verorten, um sich nachhaltig mit ihrem persönlichen Verständnis von Sinn und Erfüllung im Leben (wieder-) verbinden.

Und ob das nun bei den Dänen hygge heißt, ist an dieser Stelle aus meiner Sicht eher nachrangig - wichtig ist die Anregung, innezuhalten, und der wertvolle Impuls für die eigene Lebensbalance und das Wohlbefinden. (AMS)

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