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106 Wie stehen Sie zu NLP?

Frau Schweppenhäußer, wie stehen Sie zu NLP?

Diese Frage begegnete mir am vergangenen Freitag im Kennenlern-Gespräch mit einer potentiellen Auftraggeberin für ein avisiertes Coachingprojekt. 

Sie war nicht die erste Auftraggeberin in den vergangenen gut 25 Jahren, die diese Frage stellte – und es wird sicherlich nicht die letzte Nachfrage in diese Richtung sein. Eine gute Gelegenheit, mich dieser Frage nun – auch öffentlich - zu stellen. 

 

Was bedeutet mir NLP (im Frühjahr 2019)? 

Distanz: Im Laufe der vergangenen gut zehn Jahre habe ich beobachtet, wie ich mich Schritt für Schritt fachlich von NLP und dem DVNLP (Deutscher Verband für NLP) entferne und in andere Richtung weiterentwickelt habe. 

Langeweile: Die konkreten Auslöser für diese Entwicklung waren sicherlich, dass mir keine nennenswerten und bahnbrechenden neuen NLP-Modelle begegnet sind und sich die Diskurse immer in den gleichen „Gedanken-Zirkeln“ gedreht haben. 

Ethik: Weiterhin stellte ich bei mir zunehmend ein „ethisches“ Unbehagen fest, das Robert Dilts in einem Workshop vor fast 20 Jahren einmal mit einer Metapher zur Spannung des „Schwertes“ (den Methoden und Werkzeugen des NLP) und des „Buches“ (der Ethik in zwischenmenschlicher Kommunikation und persönlicher Integrität) zusammengefasst hat. „Das Schwert ohne das Buch sind kurzfristig (auch) wirkungsvoll“ (zitiert aus der Erinnerung, Workshop Heidelberg zum Thema Teams). Weiterhin verstärkten bei mir die jüngsten juristischen Auseinandersetzungen um Thies Stahl und DVNLP ein zunehmendes Störgefühl. 

Der Workshop „NLP und ICF – (wie) geht das?“, den ich seit 2016 in verschiedenen ICF – Chaptern moderiert und in die aktuelle Diskussion eingebracht habe, führte zu weiterer Klärung und Klarheit meiner persönlichen und professionellen Haltung zu NLP und zum Verband DVNLP. 

Kündigung meiner Mitgliedschaft im DVNLP: Somit reifte in mir der Entschluss, meine über zwanzigjährige Mitgliedschaft im DVNLP zum Jahresende 2019 zu kündigen. Ohne die Mitgliedschaft im DVNLP erlöschen automatisch meine Zertifikate „zertifizierte DVNLP-Lehrtrainerin (1999 – 2019)“ und „zertifizierte Lehrcoach (2004 – 2019)“ zum Jahresende 2019. Um es in einem NLP-Modell zu beschreiben: Es war ein kontinuierlicher und eher leiser Prozess des Abschieds, der nun die Schwelle, den sogenannten „point of no return“ überschritten hat. 

 

Was bleibt?

Viele für ein meisterhaftes Coaching erforderliche Kompetenzen/Fähigkeiten, die ich durch die NLP-Ausbildungen in der Zeit von 1992 – 1999  kennengelernt und geübt habe, sind inzwischen Teil meiner unbewussten Kompetenz geworden (Rapport herstellen, Ziele spezifizieren, vertiefende wirkungsvolle Fragen stellen, verbale und non-verbale Signale des Gegenübers wahrnehmen, Reframing, prozessorientiert und zum Teil inhaltsfrei arbeiten, Veränderungsmodelle strukturiert und mit gleichbleibend exzellenter Qualität zu lehren). In diesen ersten Jahren meiner beruflichen Entwicklung war NLP ein wesentlicher Impulsgeber und Reflexions-/Supervisionsrahmen. 

 

Warum habe ich mich Anfang der 90er Jahre überhaupt für NLP interessiert? 

Als junge Diplom-Psychologin war ich wirklich fasziniert von der Leichtigkeit der NLP-Interventionen, die - scheinbar blitzschnell – neue Perspektiven, alternative Verhaltensweisen, erweiterte Fähigkeiten und/oder ein neues „Mindset“ für Klienten und/oder Seminarteilnehmer/innen ermöglichte. Diese Beobachtungen und Selbst-Erfahrung widersprachen vielen Grundeinstellungen, die ich im Laufe meines Psychologiestudiums über Veränderung und Veränderungsgeschwindigkeit gelernt hatte.

So besuchte ich 1992 meinen ersten NLP-Basiskurs als einzige Nicht-Therapeutin bei zwei klinisch arbeitenden Psychologen (Andreas Wilser, Leonhard Walczak) in Bielefeld. Und konsequenterweise vertiefte ich mich bis 1998 mit großer Neugierde in alle weiteren Ausbildungsschritte (NLP-Practitioner/NLP-Master) bis zum NLP-Trainer.

Von 1999 – 2006 bildete ich unter dem Dach des Deutschen Ausbildungsinstituts für NLP (DANLP, jetzt NLP-BusinessClass) in Stuttgart und Osnabrück interessierte und wißbegierige Seminarteilnehmer/innen aus. 

Wichtig war mir als Bestandteil der von mir geleiteten Ausbildungsreihe, meinen Respekt und meine Wertschätzung für die wertvollen Beiträge von Virginia Satir (Familientherapie), Milton Erickson (Hypnotische Sprachmuster), Gregory Bateson (Anthropologie), John Grinder (Linguistik), Frank Farrelly (Begründer der Provokativen Therapie) und Robert Dilts (Systemisches NLP) zu vermitteln. 

Im „Handbuch Coaching“, das Christopher Rauen im Jahr 2000 herausgegeben hat, findet sich ein Artikel von Michael Fromm und mir über NLP-Coaching, der sich mit Grundlagen von NLP und einem Anwendungsbeispiel des „Disney-Modells“ beschäftigt. 

Übrigens: Prof. Dr. Heidi Möller fand in ihren Untersuchungen heraus, dass die Methoden von NLP immer noch einer der wesentlichen Bestandteile deutschsprachiger Coachingausbildungen sind (zitiert aus der Erinnerung: BDP Coachingtag, 2015, Göttingen).

 

Zusammenfassendes Fazit zur Frage:

Frau Schweppenhäußer, wie stehen Sie nun zu NLP?

Im Jahr 2013 informierte ich mich erstmals über die Kriterien der ICF – Zertifizierungen. In diesem Zusammenhang riet mir ein wohlwollender Kollege aus dem damaligen ICF – Deutschland Vorstand, dass ich für die einzureichenden Recordings mehr „dancing in the moment“– und weniger ein vorgefertigtes (NLP-) Modell im Coaching – einbringen möge. Das klang zunächst einmal kompliziert und schwierig! 

Aus meiner Sicht finden sich bei den ethischen Grundlagen und ICF-Kernkompetenzen mehr oder weniger große Überlappungen mit dem strukturierten Herangehen von NLP. Gleichzeitig für mich die größten Unterschiede bei Kernkompetenz #4 „Präsenz“ und Kernkompetenz #7 „Direkte Kommunikation“, die ich mittlerweile für mich als DEN Schlüssel für ein gelungenes und wirkungsvolles Coaching verstehe und einsetze.

 

NLP wird – wie mein Psychologie-Studium zuvor und andere (Coaching-) Ausbildungen danach – ein wertvoller (und gleichzeitig unverzichtbarer) Teil meines professionellen Weges sein. Und an dieser Stelle danke ich meinen aufrichtigen und integren NLP-Wegbegleiter/innen in Form von Lehrtrainer/innen, Seminarteilnehmer(innen, Klient/innen und Kund/innen, die mich menschlich und fachlich gefordert und gefördert haben. 

 

Und – es gibt noch so viel mehr zu ent-decken! 

 

Mein Versprechen an mich und meine zukünftige (berufliche) Entwicklung ist: Neugierig sein/bleiben und Ausschau halten nach inspirierten und querdenkenden (neuen) Ansätzen und Impulsen meiner weltweiten Kolleg/innen – um meinem Gegenüber in einer (Coaching-) Konversation achtsamer, wirkungsvoller und auf eine smarte Art „effektiver“ im Hinblick auf die Begleitung der Anliegen des Gegenübers zu begegnen (AMS). 

Eines meiner ersten Bücher zum Thema NLP aus dem Jahre 1993

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Kommentare: 1
  • #1

    Silke Klees (Donnerstag, 02 Mai 2019 14:18)

    Vielen Dank für den ehrlichen und informativen Beitrag Anne Schweppenhäußer. Vor allem der Hinweis auf die Kernkompetenzen des ICF's macht für mich als Leserin deutlich in welche Richtung Du Dich entwickelt hast! Danke.