044 Du musst besser lügen lernen!

Dieser Satz begegnete mir einige Tage vor Weihnachten 2016 auf dem Weihnachtsmarkt in Ludwigsburg: Unfreiwillig wurde ich Zeuge eines zwar humorvoll klingenden, aber nachdrücklich ausgesprochenen Tipps eines Mittzwanzigers zu seinem etwa gleichaltrigen Begleiter. Was die Vorgeschichte zu diesem wohlmeinenden Rat war und in welchem konkreten Zusammenhang dieser Satz stand, habe ich nicht in Erfahrung gebracht. Und dennoch – dieser Satz ist für mich bemerkenswert und hat mich im „postfaktischen Zeitalter“, in dem Lügen, Tarnen und Täuschen scheinbare Erfolgsfaktoren und überlebensnotwendig sind, Lebensläufe gefälscht werden und FakeNews aufregen, im Spannungsfeld von aktuellem Zeitgeschehen, Sozialpsychologie, Philosophie (Ethik/Moral) und betriebswirtschaftlicher Compliance zum Nachdenken gebracht und einige Fragen aufgeworfen:

  • Zum Wesen der Lüge: Was ist das eigentlich genau – eine Lüge? Welche Arten von Lügen gibt es? Wie ist der Unterschied zwischen bewussten / unbewussten Lügen? Wie oft lügt ein Mensch täglich?
  • Zu den Motiven des Lügens: Warum lügt ein Mensch? Welchen Nutzen (beruflich/privat) hat eine Lüge? Welchen Schaden (beruflich/privat) bringen Lügen? In welchen Situationen ist es nützlich, besser zu lügen? – Ist das dann authentisch oder nicht?
  • Zu dem Erkennen von Lügen: Wie erkenne ich eine Lüge? Wie gut sind menschliche und technische Lügendetektoren?

 

Kürzlich verlieh die Harvard Universität den Ignoble-Nobelpreis 2016 an eine Forschungsgruppe um Evelyne Debey (Belgien/Niederlande) und Kristina Suchotzki (jetzt Universität Würzburg) für ihre Studie, in der sie 1000 Lügner befragten, wie oft sie lügen – „und für die Entscheidung, ob man ihre Antworten glauben kann“.

Ein kurzer Überblick über die Resultate dieser Studie:

  • im Durchschnitt logen die Befragten zwei Mal am Tag, allerdings gibt es auch Spitzenwerte von bis zu 16 Lügen am Tag – über alle Altersgruppen hinweg
  • lügen ist nicht kinderleicht – und die Fähigkeit zu lügen ist ein Entwicklungsprozess in sich, der mit der kognitiven Kontrolle – der innere Zurückhaltung der „wahren Antwort“, der Fähigkeit zum Lügen – das heißt, beim Lügen locker und authentisch zu wirken, und der Häufigkeit tatsächlicher Lügen einher geht – das heißt, wer lügt, braucht ein gutes Gedächtnis, um sich zu merken, wem welche Lüge „aufgetischt“ wurde

 

Im Handout der Universität Bielefeld werden folgende „kulturell weniger verwerfliche Formen der Lüge (Knapp & Comadena 1979):

  • Übertreibung, - Angeberei, - Schmeichelei, - Höflichkeitsgesten, - Nachgeben,
  • Kompromisse, - rücksichtsvolles Verschweigen, - gezieltes Weglassen,
  • bewusste Vereinfachung, - rhetorisches Operieren mit Mehrdeutigkeit,
  • Selbstbetrug und Wunschdenken, - Kontrolle von emotionalem Ausdruck“

benannt.

 

Zur Verdeutlichung hier zwei Beispiele aus diesem Handout der Universität Bielefeld zum Erkennen von Lügen:  

  • „Ein Heuchler glaubt vielleicht selbst, was er sagt, ist für einen Moment von seiner eigenen Heuchelei überzeugt, aber für den Betrachter ist das ein völlig klarer, eindeutiger Fall von Unehrlichkeit.“
  • „Im Geschäftsleben etwa gilt ein Verschweigen von Mängeln oft nicht so sehr als Betrug wie ein falsches Vorgeben von Produkt-Qualitäten. Ob ein Geschäftsmann seinen Kunden „belügt“, hängt nicht von der wirklichen Qualität der verkauften Ware ab, sondern von der Methode der Täuschung.“

 

Jana Hauschild fasst weitere Forschungsergebnisse zusammen und zitiert Dunbar et all „Lügen ist moralisch verwerflich, aber für das soziale Miteinander unerlässlich.“ Bei der Wirkung der Lügen ist dabei wichtig, den Unterschied zwischen „white lies“, den höflichen, pro-sozialen Lügen, und den egoistischen, anti-sozialen und für den Lügner persönliche Vorteile schaffenden Lügen. Weiße Lügen dienen weniger der Wahrheit, sondern mehr der sozialen Verträglichkeit, und können somit stabile Netzwerke und Beziehungen unterstützen.

Lügen dienen dazu, dass Menschen sich wohlfühlen – gute Lügner sind sympathischer und in sozialen Situationen durchaus erfolgreicher (im Sinne von Social Impression Management) fasst  Robert Feldman zusammen. Ergebnis seiner Forschungen ist, dass unbewusstes Lügen sozusagen unterhalb der persönlichen Wahrnehmungs-Schwelle stattfindet – und in der nachträglichen Konfrontation erst selbst erkannt werden. Nach Feldman ist Lügen hauptsächlich ein erlerntes Verhalten: „Andererseits lernen Kinder, dass es positive Konsequenzen hat, wenn man lügt und nicht erwischt wird – und dass es negative Konsequenzen haben kann, wenn man die Wahrheit sagt.“

Dana Carney fand 2010 in einer Untersuchung Anzeichen dafür, dass Menschen mit Macht besser lügen können.

Prof. Dr. P. Garlipp beschäftigte sich intensiv mit "Pseudologia phantastica – Lügen als Symptom". 

Jochen Mai (2015) fasst sieben (wissenschaftlich fundierte) Wahrheiten über Lügen

  1. Wer lügt, bekommt eine größere Nase
  2. Wer ehrlich zugibt, häufig zu lügen, tut es auch
  3. Testosteron macht ehrlicher
  4. Wer sich in die Augen sieht, lügt seltener
  5. Unsere Instinkte erkennen Lügner besser
  6. Lügen macht erfinderisch
  7. Männer lügen mehr als Frauen

und zwölf Indizien für einen Lügner zusammen. Und auch in YouTube finden sich unzählige Clips, die „das Lügen erkennen“ zum Inhalt haben, da ja nicht jeder einen Polygraphen (=Lügendetektor) in jeder kommunikativen Situation zur Hand hat.

 

Fazit: Die Lüge gehört zur Kommunikation dazu, und jede (Un-) Wahrheit hat Konsequenzen im Zusammenleben im privaten und beruflichen Umfeld. (AMS)

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