046 Lug und Trug - auch im Coaching?

Erste Annäherung an ein heikles Thema

Wenn die Erkenntnisse der Psychologie (vgl. Blog-Beitrag 44 und 45) auf die (langjährige) Praxiserfahrung als Coach treffen, dann heißt das, dass sowohl Coachee wie auch Coach Wahrnehmung auch im Kontext Coaching (un-) bewusst verzerren, kognitiven Dissonanzen reduzieren und angelegentlich auch gezielt die Unwahrheit sprechen.

Im Coaching wird also auch gelogen! Und trotzdem wirkt Coaching nachweislich.  

Gehen wir somit von der Annahme aus: Ein Coachee verzerrt (un-) bewusst die Wahrheit und/oder beschreibt Situationen und Coachingerfolge allzu verständlicherweise aus der eigenen gefilterten Brille. Welche Möglichkeiten bleiben dem Coach in einer solchen Situation? Ein Coach nimmt diese Schilderung des Coachees akzeptierend, empathisch und wertschätzend in all seinem verbalen und non-verbalen Ausdruck an, auf- und für „wahr“. Weiterhin nutzt ein Coach die damit verbundenen Resonanz „im eigenen System“, die entstehenden eigenen Bilder in Präsenz und Achtsamkeit als Grundlage für das weitere Coaching, um mit dem Coachee aktiv zu kommunizieren, wirkungsvolle Fragen zu stellen und somit mehr Bewusstsein beim Coachee zu schaffen (Kernkompetenz 8, ICF Kernkompetenzen). Leider habe ich keine einschlägige Literatur, Recherchen und Studien zu diesem Thema an der Nahtstelle von Kernkompetenz # 4 Präsenz im Coaching und Kernkompetenz # 8 Bewusstsein schaffen gefunden. 

 

Welche Erfahrung als Coach führte mich zu dieser Fragestellung? Wie ist mir diese Form von „Wahrnehmungsverzerrung“ in den letzten Jahren als Coach begegnet? 

Folgende Coachingsituation: Eine Führungskraft empfiehlt einem Projektleiter mit für die Projektmitarbeiter/innen „schwierigen“ Führungsverhalten Coaching. Die Vorgespräche mit Coach, Coachee und Führungskraft fanden jeweils unter vier Augen statt, der HR-Business-Partner war beim Gespräch mit der Führungskraft dabei und kam für die Vertragsfragen später hinzu. Eines der Ziele des Coachings war Stärkung der sozialen Kompetenz des Coachees im verbalen und non-verbalen Ausdruck in Führungssituationen (wertschätzend Feedback geben etc.).

Das Coaching-Abschlussgespräch erfolgte mit Coachee, Führungskraft, HR-Business-Partner und Coach. Der Coach erlebte zum ersten Mal unmittelbar und live die Kommunikation zwischen der Führungskraft und dem Coachee. In diesem Moment wurden die getrennt voneinander berichteten Situationen, daraus eingebrachten Deutungen und Hypothesen zwischen Führungskraft und Coachee vom Coach nun unmittelbar erlebt, zusammengefügt und ergänzt. Durch dieses persönliche Erleben wurden neue Hypothesen gebildet und ergänzende Deutungen bezüglich der Kommunikation in dieser besonderen Führungssituation durch den Coach entwickelt, die für den gesamten Coachingverlauf wertvoll und hilfreich hätten sein können.

 

Als erste Reflexionsstichworte für zukünftige Coachings können daraus folgende Schlussfolgerungen gezogen werden:

  1. Jede/r Mensch berichtet interessengeleitet seine eigene Wahrheit – und es ist die Aufgabe eines Coaches, einen Coachee hier zu unterstützen und zu konfrontieren, den Schleier zu lüften – und deren/dessen die Wahrnehmung für eine Situation zu erweitern, mehr Perspektiven einzubringen und zu mehr Bewusstheit für die Wirkung des eigene Verhalten (in der Situation) und eine mögliche Wahrnehmungsverzerrung anzuregen. 
  2. In der Nachbereitung des Coachings ist es empfehlenswert, den Coachingprozess auf den Coach wirken zu lassen, die Wirksamkeit einzelner Fragen/Interventionen zu reflektieren und – wenn auch nur leichte - Irritationen in den Reaktionen und im Selbstbild des Coachees „für einen Augenblick festzuhalten“, um sie für die nächste Coachingsituation für den Coachee als Spiegel nützlich einzubringen. 
  3. Mentorcoaching: Anhand von Aufzeichnung realer Coachingssituationen die eigenen "blinden Flecken" als Coach mit Unterstützung eines erfahrenen Mentorcoach entdecken und bewusst in die nächste Coachings einfließen lassen. 

 

 

Sind diese Erkenntnisse banal? Vordergründig vielleicht!

Um die eigene Lernkurve als Coach zu fokussieren und zu unterstützen, kann die (regelmäßige) Erinnerung an bilaterale (Un-) Wahrheit im Coaching nützlich sein und gleichzeitig die eigene Demut für einen komplexen sozialen Prozess, wie es Coaching ist, fördern (AMS) 

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